Zur frühen Geschichte des Schelklinger Liederkranz

 1826 wurde in Schelklingen ein Verein namens Liederkranz gegründet. Was sich auf dem ersten Blick wie ein x-beliebiges Vereinsjubiläum ausnimmt, ist bei näherem Hinschauen einer der spannendsten Vorgänge überhaupt, die wir aus der Geschichte Schelklingens jener Zeit kennen und der zugleich eine ganze Menge nicht nur über die Geschichte Schelklingens, sondern sogar der größeren Umgebung verrät. Im Folgenden möchte ich Ihnen daher diese Gründung von 1826 und Ihre ersten Anfangsjahre etwas näher bringen, während Sie die neuere Geschichte des Vereins, soweit Sie diese nicht selbst miterlebt und mitgestaltet haben, so wie heute Abend, in der Ausstellung ausführlich dargestellt finden werden.

 1826 wurde in Schelklingen ein Verein namens Liederkranz gegründet. An dieser recht einfachen Tatsache lässt zunächst das Datum 1826 aufhorchen. Denn mit diesem Gründungsdatum ist der Liederkranz nicht nur der älteste Verein Schelklingens, sondern zugleich auch der älteste Verein im weiten Umkreis. Dies ist kein Zufall, der darin begründet sein könnte, dass andere, gleichaltrige Vereine irgendwann erloschen sind, sondern der Schelklinger Liederkranz ist tatsächlich der erste Verein überhaupt, der in unserem Raum gegründet wurde. Die Schelklinger waren die ersten, die die damals noch ganz junge Erfindung des Vereins von den Großstädten übernommen haben. Dort, in Stuttgart, München oder Ulm, hatten sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts Bürger zusammengeschlossen, um ihre Freizeit gemeinsam zu gestalten. Erstmals traf man sich nicht mehr nur in der Kirche oder bei der Arbeit, sondern bildete freie Vereinigungen. Und erstmals stand man nicht unter der Aufsicht des Staates oder der Kirche, sondern organisierte sich selbstständig, gab sich eigene Satzungen, in denen jedes Mitglied gleiche Rechte und Pflichten erhielt, und bestimmte in freien Wahlen einen Vereinsvorstand. All dies war am Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts neu, denn die deutschen Staaten waren ja zu diesem Zeitpunkt noch ganz autoritär auf die Fürsten ausgerichtet. In den Vereinen probten dagegen die Bürger eine neue Form des Zusammenlebens, die auf Gleichheit und demokratischen Mehrheitsentscheidungen beruhte. Die Vereine wurden damit zur Keimzelle unseres heutigen Staates. Wenn sich schon 1826 in Schelklingen erfolgreich ein derartiger Verein bildete, so zeigt dies, dass die Schelklinger schon damals die Grundsätze von rechtlicher Gleichheit und Demokratie zu lernen bereit waren. Während die anderen kleineren Städte unseres Raumes - Ehingen, Blaubeuren, Laupheim, Riedlingen - zu diesem Zeitpunkt noch ganz autoritätshörig waren, begann man in Schelklingen schon mit dem Aufbau eines neuen Staates. Ich finde, darauf kann der Liederkranz durchaus stolz sein. 

Schon in den ersten bürgerlichen Vereinen am Ende des 18. Jahrhunderts war besonders gern der Gesang gepflegt worden, der einen hohen Stellenwert in einer Zeit hatte, in der Musik noch nicht wie heute auf Knopfdruck in beliebiger Menge vorhanden war. Da in den Vereinen selbstverständlich nur Männer vertreten waren, erhielt dadurch der vierstimmige Chorgesang für Männer einen bedeutenden Aufschwung, was schließlich zur Gründung von reinen Gesangsvereinen führte. Deren Entwicklung verbindet sich in Deutschland vor allem mit drei Namen, nämlich mit Goethes Busenfreund Karl Friedrich Zelter (1758-1832) in Berlin, dem Schweizer Hans Georg Nägeli (1773-1836) sowie Friedrich Silcher (1789-1860) in Tübingen. Nägeli unternahm von 1819-25 mit großem missionarischen Eifer zahlreiche Reisen nach Süddeutschland, bei denen er zur Gründung von Gesangsvereinen aufrief. 1824 bildete sich auf Anregung Nägelis der erste Liederkranz Württembergs in Stuttgart, und in den folgenden Jahren entstanden Liederkränze in den übrigen württembergischen Groß- und Mittelstädten. Schon zwei Jahre nach der Gründung in Stuttgart folgte der Schelklinger Liederkranz. Man hatte offenbar auch in Schelklingen die Reisen Nägelis aufmerksam beobachtet, wusste, was in Stuttgart vorgegangen war, und war bereit, dies auf Schelklingen zu übertragen. Den maßgeblichen Anteil an diesen Beobachtungen und der Übertragung auf Schelklingen kann man ohne jeden Zweifel dem ersten Dirigenten und Vorstand des neuen Vereins zuweisen, nämlich dem Lehrer Heinrich Kaim.

 Heinrich Kaim (1792-1874) entstammte einer Handwerkerfamilie in Steinbach bei Esslingen (Gde. Wernau, Kreis Esslingen). In der Familie muss eine große musikalische Begabung vorhanden gewesen sein, denn nicht nur Heinrich sollte sich der Musik widmen, sondern auch sein älterer Bruder Franz Anton, der in Kirchheim/Teck eine bedeutende Klavierfabrikation aufzog und Ahnherr einer ganzen Reihe von Musikern wurde. Franz Anton Kaim gründete im gleichen Jahr 1826 wie sein Bruder in Schelklingen in Kirchheim den dortigen Liederkranz, der dieses Jahr gleichfalls sein 175-jähriges Jubiläum feiern konnte.

 Heinrich Kaim sollte gemäß dem Wunsch der Eltern einen Handwerksberuf lernen, nämlich den Beruf des Maurers, der ihm jedoch wenig zusagte. Eines schönen Tages, im Alter von 22 Jahren, so berichtet die Familienchronik der Kaims, hat er den ihm verhassten Beruf nicht nur an den Nagel gehängt, sondern er soll tatsächlich den Maurerkübel an die Wand geworfen haben und sah sich nach dieser Tat der Befreiung nach einer neuen Beschäftigung um. Kaim entschloss sich, Lehrer zu werden. Dazu muss man wissen, dass der Beruf des Lehrers damals noch ebenso ein Lehrberuf war wie Maurer oder Zimmermann. Eine akademische Vorbildung oder der Besuch eines Gymnasiums war nicht Voraussetzung. Man musste sich lediglich in die Lehre zu einem anderen Lehrer begeben. Nach einer dreijährigen Lehrzeit legte man eine Prüfung ab und war dann als Volksschullehrer einsetzbar. Nach seiner Lehrerprüfung war Kaim zunächst an verschiedenen Orten als Hilfslehrer tätig und erhielt schließlich 1821 die Stelle des Stadtlehrers in Schelklingen. Einen großen Teil der Lehrzeit nahm die musikalische Ausbildung des künftigen Lehrers ein, denn dieser hatte auch den Organistendienst in der Stadtkirche zu betreuen und musste den Schulchor einstudieren, der bei den Gottesdiensten sang. Kaim hatte also in seiner Lehre Gelegenheit gehabt, seine musikalische Begabung um technische Fertigkeiten zu ergänzen und konnte bei der Liederkranzgründung wohl schon auf den vorhandenen Schul- und Kirchenchor aufbauen.

 Als Lehrer war Kaim offenbar ein Naturtalent. Er erzielte binnen kurzer Zeit große Erfolge und brachte die Schelklinger Schule auf einen hohen Stand. Dabei war das Lehrerdasein auch in jener Zeit nicht einfach. Die Schelklinger Schule befand sich damals in einem uralten Gebäude hinter der Stadtkirche, wohin die Sonne nur selten vordrang. In dem Gebäude, das wir heute von der Größe her als Einfamilienhaus bezeichnen würden, befanden sich nicht nur zwei Schulsäle für die Schule, sondern auch die Wohnung für Kaim mit seiner Frau und neun Kindern sowie ein Zimmerchen für den Hilfslehrer. Die Zahl der Schulkinder nahm in Kaims Zeit aufgrund eines starken Bevölkerungswachstums laufend zu, sie erreichte in der Jahrhundertmitte den Höchststand von über 160 Kindern, die von zwei Lehrkräften zu unterrichten waren. Jeder Lehrer hatte also um die 80 Kinder aus mehreren Jahrgängen in seiner Klasse, die alle ihrem Alter gemäß zu unterrichten und zu beaufsichtigen waren. Dies ging nur mit einer überaus strengen Disziplin, wobei die Prügelstrafe einen festen Stellenwert im Wirken des Lehrers hatte. Kaim tat dabei anscheinend gelegentlich des Guten etwas zu viel, denn wir wissen von einem Fall aus dem Jahr 1839, bei dem er einen Jungen ohnmächtig schlug, doch hat ihn dieser Vorgang offenbar selbst so stark getroffen, dass er versprach, künftig keine Prügel mehr zu verteilen, sondern nur noch Arreststrafen. Kaims Ansehen scheint durch diese Episode nicht gelitten zu haben. Dafür spricht vor allem, dass die Stadt Schelklingen bereit war, zugunsten Kaims die unhaltbare Raumlage in dem alten Schulhaus hinter der Kirche zu erleichtern, indem sie 1844 zur Entlastung ein zweites Schulhaus an der Marktstraße baute, das heutige Notariat.

 Wie alle Lehrer in jeder Epoche klagte auch Kaim über mangelnde Unterstützung durch die Eltern seiner Kinder, die seine Erziehung nicht zu schätzen wussten und ihm vielmehr "Unarten und Grobheiten" an den Kopf warfen. "Jedermann glaubt, der Zeitpunkt sei gekommen, Laster- und Schmähworte über Schulen und Lehrer auszugießen", klagte Kaim kurz nach Antritt seiner Stelle in Schelklingen. Das Thema hat Kaim offensichtlich beschäftigt, denn ein paar Jahre später erhielt er eine Belobigung für einen Aufsatz über den Undank der Eltern gegenüber den Lehrern. - Der direkte Vorgesetzte Kaims war der Stadtpfarrer, der jederzeit den Unterricht besuchen und kontrollieren konnte. Der Stadtpfarrer achtete auch darauf, dass der Lehrer sich nicht allzu häufig von Schelklingen entfernte. Auch in den Schulferien hatte Kaim in Schelklingen zu bleiben, denn neben der eigentlichen Lehrertätigkeit oblag ihm auch der Mesnerdienst.

 Doch zurück zum Liederkranz. Für Kaims maßgebliche Rolle bei der Vereinsgründung spricht vor allem, dass er Dirigent und Vorstand des neuen Vereins zugleich war, wobei sich die Dirigentenstellung aus seiner musikalischen Ausbildung als Lehrer ergab. Kaim gelang es, den Verein früh zu schönen Erfolgen zu führen, so hielt man in den 1830er Jahren in Schelklingen Liederfeste ab, zu denen die Vereine aus der Umgebung kamen, und besuchte auch selbst die großen Liederfeiern, bei denen sich Vereine aus ganz Württemberg in Ulm oder Kirchheim trafen. Die Gesangsvereine waren die große Volksbewegung der Zeit.

 Doch darf man den damaligen Verein nicht vorschnell als vollkommen gleichartigen Vorläufer des heutigen Liederkranzes sehen. Denn in einem entscheidenden Punkt unterschied sich der Schelklinger Liederkranz von 1826 von dem heutigen Verein. Der Liederkranz hatte nämlich eine ausgesprochen politische Richtung, und zwar eine Richtung, die man damals als liberal bezeichnete. Die Liberalen setzten sich im damaligen Königreich Württemberg für größere Rechte des Landesparlamentes ein, forderten die Freiheit der Presse und standen der Staatsbürokratie ablehnend gegenüber. Ein wichtiges Ziel der Liberalen war die Schaffung eines einigen Deutschlands mit einem zentralen deutschen Parlament, wogegen grade Fürsten wie der württembergische König starke Bedenken hatten, fürchteten sie doch eine Beschränkung ihrer Machtvollkommnisse. Wenn wir in den alten Liedheften des Schelklinger Liederkranzes sehr häufig nationales Liedgut wie "Die Wacht am Rhein" oder "Was ist des Deutschen Vaterland?" finden, so ist dies kein Zeichen von dumpfen Nationalismus, sondern ganz im Gegenteil das Zeichen des Protests gegen die Fürsten und gegen die Unterdrückung des Bürgertums. Das Singen dieser Lieder war jedes Mal eine politische Handlung, denn die Frage nach des Deutschen Vaterland beinhaltete die sehr konkrete Forderung nach einer politischen Einigung Deutschlands. Auf den Liederfesten, die man mit den benachbarten Gesangsvereinen feierte, unterhielt man sich über diese politischen Ziele und fand dabei Übereinstimmungen. Eine ortsübergreifende Opposition gegen die Fürsten und ihren Staat entstand. Die Liederfeste, die der Schelklinger Liederkranz veranstaltete, wurden damit für den Raum Blaubeuren - Ehingen zu den zentralen Demonstrationen für ein einiges und liberales Deutschland.

 Diese politische Richtung des Schelklinger Liederkranzes erreichte ihren Höhepunkt in den Jahren der Revolution von 1848/49. Schon 1847 hatte der Wahlkreis Blaubeuren, zu dem Schelklingen gehörte, einen liberalen Kandidaten für den Stuttgarter Landtag gewählt, der zu dem linken Flügel der Liberalen gehörte und besonders scharfe Reformen im Staat forderte. Als die Nachricht vom Wahlsieg dieses Kandidaten von Blaubeuren nach Schelklingen kam, versammelte sich sofort der Liederkranz um seine Fahne und zog singend nach Blaubeuren, um den Wahlsieg zu feiern. Nach Abschluss der Wahlparty lieferte man sich dort noch Schlägereien mit konservativ gesinnten Blaubeurern, denn für die politischen Ziele ihres Vereins waren die Liederkränzler auch bereit, mit den Fäusten vorzugehen. Auch der Verlauf der Revolution von 1848 wurde in Schelklingen gespannt beobachtet. Als die Frankfurter Nationalversammlung nach langem Ringen im Mai 1849 eine Verfassung für das geplante neue deutsche Reich verabschiedete, veranstaltete die Stadt Schelklingen zusammen mit dem Liederkranz ein großes Freudenfest in Schelklingen.

 Doch hat die Politik den Liederkranz nie zerstört, und auch dies dürfte ein Verdienst von Heinrich Kaim gewesen sein. Denn im Gegensatz zu zahlreichen anderen Vereinen in unserem Raum, die nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 verschwanden oder gar verboten wurden, weil sie sich in der Politik zu stark engagiert hatten, konnte Kaim den Schelklinger Liederkranz zusammenhalten und unverdrossen im Gesang weiterarbeiten. Allerdings war Politik nunmehr verpönt und sie ist es in dieser Tradition in unseren Vereinen bis heute. Auch dies können Sie wieder an den Liederheften ablesen, politische Texte aller Art verschwinden daraus gänzlich. Ganz wollte man von den alten Idealen zwar nicht lassen, doch waren sie jetzt nicht mehr konkrete politische Forderungen, sondern man flüchtete sich ins Wolkige und Unbestimmte. Jedenfalls wurde aus Anlass eines Konzertes des Schelklinger Liederkranzes noch 1860 ganz selbstverständlich erklärt, dass "sich das Lied als ein treffliches Mittel [zeigt], dem wahren Geist der <Freiheit> Bahn zu brechen" und es am besten geeignet sei, "<Einheit> zu begründen."

 Als die Wirren der Revolution überwunden waren und der Verein sich wieder gefestigt hatte, legte Kaim 1853 wohl altershalber - er war jetzt 60 Jahre alt - die Leitung der Liederkranzes nieder und übergab diese zunächst an seinen Unterlehrer. 1860 übernahm Heinrich Kaims gleichnamiger Sohn (1834-1878), der den Beruf des Vaters ergriffen hatte und nach seiner Ausbildung als Hilfslehrer in Schelklingen eingesetzt worden war, die Leitung des Liederkranzes und führte diesen zu neuen Erfolgen. Die musikalische Begabung der Familie setzte sich in dieser Generation fort, denn Kaims ältester Sohn Adolf, der ebenfalls den Lehrerberuf , und zwar in Biberach, ergriffen hatte, machte sich einen Namen als Komponist und Leiter des dortigen Liederkranzes. Seine Kompositionen waren im 19. Jahrhundert beliebte und vielgesungene Stücke.

 Heinrich Kaim senior ging 1866 mit 74 Jahren in Pension und verstarb acht Jahre später hier in Schelklingen. Nicht zuletzt dank seiner Liederkranzgründung erfreut er sich einer fortdauernden Erinnerung der Schelklinger, wofür u. a. spricht, dass ihm 1951 eine Straße gewidmet wurde und 1985 die Grund- und Hauptschule seinen Namen erhielt.

 Wenn ich Ihnen nunmehr die frühe Geschichte des Liederkranzes etwas nähergebracht habe, so kann Ihnen das doch nur eine sehr bescheidene Vorstellung von diesem Liederkranz geben. Denn in den trockenen Worten des Archivars fehlt etwas ganz Wichtiges, ja das Wichtigste überhaupt des Liederkranzes, was alles zusammenhält, nämlich die Musik und der Gesang. Daher räume ich jetzt gerne wieder das Feld für eine weitere Darbietung des Liederkranzes. Vielen Dank.

 

Vortrag von Stadtarchivar Jörg Martin am 30.11.2001

 

Quellen und Literatur:

 

Liederkranz Schelklingen (Hrsg.): Hundertjahr-Feier Liederkranz Schelklingen 1826-1926: Festbuch.- Ulm 1926

Kaim, Emil: Meine Ahnen.- 1933 [handschriftliche Familienchronik in Privatbesitz; Auszüge in Kopie im Stadtarchiv Schelklingen]

Lederer, Wilhelm: Heinrich Kaim.- Typoskript 1985 [im Stadtarchiv]

 Zurück